Cristo crocifisso

 


Warum leiden wir?
Warum leidet Gott?


 

Gedanken zur Passion
Christi




 



Verlassen, allein ...

In dieser Pandemie, aber auch in der Einsamkeit und in der Trauer machen wir die Erfahrung, wie es ist, allein zu sein, verlassen, ohne die, die wir lieben. Es ist eine Erfahrung, die uns in den Garten von Getsemani bringt, wenn wir dazu bereit sind.

In der Verlassenheit Jesu, dort zu Beginn der Passion, spiegelt sich auch etwas von der Verlassenheit des Vaters, verlassen von seinen Kindern, seinen Geschöpfen, die die Versöhnung, die Errettung, die Barmherzigkeit verweigern, die meinen, sie nicht nötig zu haben.

Jesus betet: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen“. (Lukas 22,42)

In der Einsetzung der Eucharistie hat Jesus den Kelch bereits angenommen, ebenso wie in den Ankündigungen seines Leidens und seiner Auferstehung. Wenn er hier so betet, dann ist es im Wissen darum, was ihm in der Passion abverlangt werden wird. Im Gehorsam gegenüber dem Vater nimmt er den Kelch an, ja, hat ihn bereits mit der Inkarnation angenommen. Und: er nimmt ihn an in Liebe und aus Liebe, zum Vater und zu den Brüdern, zu den ihm Anvertrauten, damit niemand verloren gehe – „Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.“ (Johannes 18,9).

Es ist  auch der Kelch der Verlassenheit im Leiden, am Kreuz: „Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heisst: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Matthäus, 27,46). Dieses erschütternde Flehen nach dem Beistand, nach der Liebe des Vaters, in den Momenten äußerster Qual, von einem Menschen erlittener Qual.

Der Wille des Vaters – ein Wille voller Schmerz, eines herzzerreißenden Schmerzes, den eigenen Sohn zu geben, geben zu müssen für die Errettung der Welt – Errettung durch das Opfer, Errettung durch die Eucharistie.

Sich selbst schenkende Liebe

Am Anfang der Passion steht die Verlassenheit Jesu im Garten von Getsemani, eine Verlassenheit, die auch die des Vaters ist, denn er ist kein Vater, der sich selbstgefällig in seinem himmlischen Reich betrachtet, inmitten einer Schar von Engeln, die ihn anbeten. Er kann, als sich selbst gebende Liebe, nicht gleichgültig sein gegenüber der Heillosigkeit seiner Geschöpfe, die sich von ihm abgewandt haben, die für sich selbst leben, ohne ihn. Seine Geschöpfe, die auf den Wegen des Todes gehen, oft ohne es zu bemerken, fern der Liebe, fern der Quellen der Liebe, die Liebe des Vaters verweigernd, nicht erbittend, nicht wertschätzend … ohne eine Antwort auf diese Liebe, verloren in der Nacht des Todes.

Ein Vater, verlassen von seinen Kindern … ein Vater, der ihre Umkehr ersehnt, ihre Rückkehr nach Hause, ihre Rückkehr zu dem, der sie liebt.

Die Verlassenheit definiert sich ja dadurch, dass jemand weggegangen ist, jemand, der uns wichtig ist, jemand, der in unserem Herzen ist. Er ist gegangen, er hat uns verlassen, allein gelassen. Die Bitterkeit dieses Zustandes durchlebt Jesus im Garten von Getsemani. Die drei Jünger sind da, aber sie schlafen, sie teilen nicht seine Bedrängnis. Die Bitterkeit dieser Verlassenheit erleidet Gott immer, wenn sich eines seiner Kinder von ihm entfernt, ihn vergisst, gleichgültig wird gegenüber einem Vater, der nicht gleichgültig ist gegenüber einem einzigen seiner Kinder, der will, dass alle leben. Doch ohne Gott, ohne das Zuhause im Herzen Gottes, in der Trennung, aus einem Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit heraus, begibt sich auch der Mensch in die Verlassenheit, in die Wüste, in die Nacht des Todes.

Auf dem Höhepunkt der Passion entsteht Kommunion

cristo_pietaIn diese Nacht des Todes, in diese Nacht der Verlassenheit des Menschen, der sich seines Zustandes der Verlassenheit, verursacht dadurch, dass er die wichtigste, lebensspendende Bindung negiert und gekappt hat, oft nicht einmal bewusst ist, sendet Gott Seinen Sohn, gibt ihn hin, am Kreuz, in der Passion. Alles erscheint dunkel an diesem Freitag, ein Frühlingstag voller Dunkelheit. Die, die ihm gefolgt waren, seine Brüder, haben sich zerstreut und scheinen verloren wie Schafe ohne ihren Hirten. Die Frauen, die ihm treu gefolgt sind, begleiten weinend den geliebten Meister mit seinem Kreuz nach Golgotha. Maria geht schweigend und betend den Weg des Kreuzes, im Herzen eins mit dem geliebten Sohn in seiner Passion.

Jeder ist für sich, allein, in der Dunkelheit. Aber vom Kreuz herab vertraut Jesus seine Mutter seinem geliebten Jünger an und ihn, den geliebten Jünger, seiner Mutter als Sohn. Die Verlassenheit, die existenzielle Einsamkeit ist in diesem Augenblick aufgehoben, überwunden – auf dem Höhepunkt der Passion entsteht Verbundenheit, Kommunion – und damit neues Leben, Hoffnung.

Jesus stirbt, wird begraben – und in der Osternacht manifestiert sich das Mysterium seiner Auferstehung, leise, nahezu unbemerkt, und dann strahlend, strahlender als die Sonne, die Verkündigung, dass der Tod überwunden sei, besiegt in seiner Macht, uns in der Dunkelheit zu halten, festzuhalten, der Triumph des Lebens, der Triumph Gottes durch die Passion seines Sohnes, die das Durchschreiten der Nacht, der ewigen Nacht, der Nacht der ewigen Verlasenheit hin zum Tag des ewigen Lebens bezeichnet, des Sieges des Lichts über die Finsternis, des Sieges der Liebe über die Macht des Todes, für immer.

Das Halleluja …

Gott, verlassen von seinen Geschöpfen, die sich von ihm abgewandt hatten, überschreitet den Abgrund, öffnet das Grab, erweckt zum Leben, zuerst seinen eigenen Sohn und dann uns, und bietet uns mit ihm das Wasser des Lebens, des Heils, an:

Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens.“ (Offenbahrung 22,17)

Es ist eine Einladung. Es ist die Einladung.

Gott hat uns alles gegeben

Und wir, heute? Gott hat seinen Sohn geschickt. Er hat ihn geschickt, zu uns gesandt, ihn uns gegeben!

Er hat alles gegeben, er hat uns alles gegeben, den, den er am meisten liebte, seinen Sohn, das Lamm. Er kann nicht mehr geben, denn er hat alles gegeben, den, der das Licht, die Sonne seines Herzens war und ist. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
(Johannes 3,16-17)

Er gibt ihn uns weiterhin in der Eucharistie.

Wenn wir uns nach wie vor von Gott abwenden, wenn wir ihn, der unser Leben will, verlassen und stattdessen den Mächten des Todes folgen, trotz der Erlösung, die Christus uns am Kreuz und in der Eucharistie schenkt, schenken will … wenn wir uns absolut nicht retten lassen wollen, was könnte Gott noch tun?

Gott hat uns die Muttergottes geschickt, seit dem 19. Jh. immer wieder, u.a. in La Salette, Lourdes und Fatima, mahnend, weinend und uns zur Umkehr auffordernd, und, in Fatima, zur Buße einladend, für die Verlorenen, für ihre Bekehrung. Sie hat uns damit eingeladen, teilzuhaben an der Erlösung, die Christus der Menschheit schenken will, ihm zu dienen und ihm nachzufolgen. Der Engel hat 1916 die Hirtenkinder in Fatima das Gebet gelehrt, in dem sie um Vergebung für diejenigen bitten, die Gott nicht lieben, nicht anbeten, nicht an ihn glauben und nicht auf ihn hoffen.

Was für ein Schmerz, was für eine Liebe!

Immer wieder ruft Gott uns, ja, fleht uns mit leiser, sanfter Stimme an, umzukehren und für die Bekehrung unserer verlorenen Brüder und Schwestern zu beten.

So nötig ist dies. So nötig ist dies, bei Christus zu bleiben, treu, und ihn, den gekreuzigten Christus, zu denen zu bringen, die fern von ihm sind, die sich von ihm abgekehrt haben, die ihn beleidigen und verspotten, oder einfach gleichgültig sind, ihn nicht als Retter, als Erlöser, als den einzigen, der uns Frieden bringen kann, erkennen, meinend, ohne ihn leben zu können, überzeugt, sich selbst retten zu können, sofern sie überhaupt meinen, der Erlösung zu bedürfen.

Gott, verlassen, ein Vater, dessen Kinder weggegangen sind, ihn vergessen haben, seine Liebe nicht wollen … ein Vater voller Schmerz, ein Vater, der alles gegeben hat, aus Liebe, und doch unverstanden geblieben ist, ein Vater, der sieht, wie seine Kinder auf den Straßen des Todes dahin ziehen, vermeintlich froh, selbstbestimmt, sich frei fühlend, oder auch ohne Hoffnung, verzweifelt, sich mehr tot als lebendig fühlend, Opfer von Drogen und anderen Abhängigkeiten, gefangen in den Verstrickungen des Todes.

Die Muttergottes hat die Hirtenkinder in Fatima gebeten, ihren Sohn zu trösten, ihn nicht noch mehr zu verletzen, sondern zu trösten. Ein Gott, der unseren Trost braucht. Ein Gott, der es braucht, dass wir die Augen öffnen, die Augen unseres Herzens, und IHN sehen, IHN, der uns liebt, der uns seine Liebe schenken will, der uns die Arme entgegenstreckt, zur Versöhnung, in einer Geste des Erbarmens und der Vergebung, IHN, der uns täglich seinen Sohn schenkt, in der Eucharistie.

Was könnte er denn noch geben? Was erwarten wir denn noch …? Warum bleibt unser Herz selbst angesichts dieser so unendlich großen Liebe verschlossen und sucht sein Heil in Liebesbeziehungen, die nicht erlösen können?

Gott, der unseren Trost braucht, Gott, der sich selbst entäußert hat, Gott am Kreuz, ein Gott, der sich selbst geopfert hat, in einem Akt unermesslicher Liebe – und es reicht uns nicht, es überzeugt uns nicht … es lässt uns: kalt!

Was für ein Schmerz!

KamelieUnd doch: Gott ist der Gott der Hoffnung, des Lebens, der vor den Kräften und Mächten des Todes nicht kapituliert. Immer wieder schenkt er uns seinen Sohn. Immer wieder bietet er die Vergebung an. Immer wieder wäscht und reinigt er uns im Blut seines Sohnes. Immer wieder auf’s Neue ist er bereit, die Arme für uns zu öffnen und uns an sein liebendes, warmes Herz zu drücken. Immer wieder manifestiert er sich als Gott des Erbarmens.

Was für eine Liebe!

Jesus lädt uns ein, auf diese Liebe zu antworten.

Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ (Johannes 15,12-14)

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Simone Klein


 

Die Bildleiste oben zeigt:

den Amado Strand, © Antonio Sacchetti
Monsaraz, © José Manuel
Kloster Batalha, © Antonio Sacchetti
die Serra de Estrella, © Paul
o Magalhães und
Faro, ©Antonio Sacchetti